Innovation durch Anwenderzentrierung – eine Bestandsaufnahme

Anwenderzentrierung sorgt für passgenaue Softwarelösungen – so das Credo der Usability- und User Experience-Evangelisten. Aber kann durch Anwenderzentrierung auch Innovation gefördert werden? Eine aktuelle Studie nährt Zweifel an diesem Zusammenhang.

Durch anwender-zentrierte Gestaltung (User-Centered Design) wird die Entwicklung von Software angestrebt, die möglichst passgenau auf die Anwenderbedürfnisse zugeschnitten ist. Gerade bei Produktsoftware stellt dies jedoch eine besondere Herausforderung dar, da ein Produkt nicht für einen einzelnen Anwender, sondern einen ganzen Markt von Kunden mit unterschiedlichen Anforderungen entwickelt wird. Darüber hinaus sind Softwareprodukte auch anbieterseitig Teil eines Marktes, gebildet durch konkurrierende Hersteller. Daher verfolgen Anbieter von Produktsoftware neben einer möglichst genauen Adressierung von Anwenderbedürfnissen auch das Ziel Lösungen zu entwickeln, die sich durch Ihre Innovativität und Einzigartigkeit von Wettbewerbsprodukten unterscheiden lassen. Dabei können auch bisher noch nicht vorhandene oder bekannte Kundenbedürfnisse adressiert werden. Ein bekanntes Zitat in diesem Kontext stammt von Henry Ford, dem Gründer des gleichnamigen Autokonzerns: „If I‘d asked people about what they wanted –they would have said faster horses“. Bezogen auf Softwareentwicklungsmethoden stellt sich daher die Frage, ob user-zentrierte Ansätze auch die Entwicklung innovativer Standardprodukte unterstützen, oder eben nur die Erstellung passgenauer Individuallösungen?
Bei user-zentrierter Softwareentwicklung wird der Anwender möglichst während der gesamten Entwicklung intensiv einbezogen: Es findet eine explizite User Research-Phase statt, Anwender evaluieren erste Prototypen oder sind sogar in das Design selbst involviert. Auch wenn sich Experten einig sind, dass durch diese Vorgehensweise Software erschaffen wird, die besser den Anforderungen des Anwenders entspricht, stellt sich die Frage, ob eine entsprechende Vorgehensweise auch für die Entwicklung innovativer Lösungen förderlich ist. Dies setzt voraus, dass der Anwender selbst eine kreative Leistung im Sinne einer neuartigen Produktidee bzw. Produkteigenschaft erbringt. Eine kürzlich publizierte Studie aus dem Bereich der Innovationsforschung beinhaltet ernüchternde Ergebnisse bezüglich dieser Erwartungshaltung. In der Arbeit von Spanjol et al. (2012) wurde untersucht, wie stark der Einfluss verschiedener Marktorientierungen (Kundenorientierung, Wettbewerbsorientierung, Technologieorientierung) auf die Innovationskraft von Unternehmen wirkt. Hierbei konnten insbesondere für disruptive Innovationen („Breakthrough Innovations“) lediglich Effekte durch Technologieorientierung, nicht aber durch Kundenorientierung oder Wettbewerbsorientierung nachgewiesen werden. Angewendet auf die Entwicklung von Software könnte man also das Fazit ableiten, dass eine reine Kunden- bzw. Wettbewerbsorientierung für die Entwicklung innovativer Produkte nicht ausreichend ist.
Dieser Umstand wird von weiten Teilen der user-zentrierten Softwareentwicklung in Forschung und Praxis bisher kaum adressiert. Beispielsweise sieht das Design Thinking-Verfahren, eine auf Innovation ausgerichtete Entwicklungsmethode, die sich in den letzten Jahren bei großen Softwareherstellern etabliert hat, den Anwender als primäre Quelle der Innovation (Microsoft, SAP). Betrachtet man diesen Trend und dessen historische Wurzeln, dann scheint es fast so, dass man in der Softwareentwicklung vom einen Extrem zum anderen kommt:
  • Von intensiver Technologie-Orientierung zu reiner Anwender-Orientierung
  • Von der Ingenieurs-Dominanz zur Designer-Dominanz
  • Von funktionaler Perfektion zur überragenden User Experience
Angesichts der Stärken beider Ansätze - Kundenverständnis auf der einen Seite und Innovationskraft auf der anderen - könnte es wie so oft der goldene Mittelweg sein, der zum Erfolg führt, insbesondere in Ländern wie Deutschland, die über eine starke Ingenieurstradition verfügen. Wie ein solcher Ansatz aussehen könnte, bleibt jedoch abzuwarten.
 
Quelle:
Spanjol, J., Mühlmeier, S., & Tomczak, T. (2012). Strategic Orientation and Product Innovation: Exploring a Decompositional Approach. Journal of Product Innovation Management, 29 (6), 967-985.

28.10.13