Rot - Gelb - Grün: Ampeln als Informationsträger bei Software

Die Lichtsignalanlage - volkstümlich schlicht "Ampel" genannt - kann auf eine hundertjährige Geschichte zurückblicken. Eine Erfolgsgeschichte. Überall auf der Welt finden man sie, überall in dem Farbschema Rot - Gelb - Grün. Und längst wird sie nicht mehr nur im Verkehr eingesetzt. Man denke z.B. nur an die Ernährungsampel auf Verpackungen von Lebensmitteln. Oder eben an Ampelgrafiken auf Webseiten und Software-Oberflächen. Doch machen diese Anwendungen überhaupt Sinn?

Die Geschichte der Ampel
 
1912 wurde die elektrische Verkehrsampel von einem amerikanischen Polizist in Salt Lage City (Utah) erfunden. Schon davor gab es erste Versuche mit Ampeln: Im Dezember 1868 wurden so am Westminster-Palast in London rote und grüne gasbetriebene Signallichter angebracht. Diese explodierten allerdings nach einem Monat und verletzten den Polizisten, der sie bediente, schwer im Gesicht. Daraufhin wurde die Ampel-Idee in Europa, zuerst enthusiatisch von der Bevölkerung aufgenommen, wieder aufgegeben. Erst in den 1920er Jahren kam die Ampel wieder nach Europa - diesmal aus den USA, wo in der Zwischenzeit auch die Farbe Gelb als Zwischenschritt eingeführt worden war.
 
Das Grundschema der Ampel ist bis heute unverändert geblieben. Allerdings ist zu beobachten, dass v.a. in den letzten Jahren weitere Funktionen zu Ampeln hinzugefügt wurden. Besonders im asiatischen Raum sind Countdown-Timer bis zur nächsten Grünphase weit verbreitet. In Japan läuft so z.B. neben dem Ampelsignal meist eine Skala aus zehn weiß leuchtenden Dreiecken ab. In Taiwan wurde dagegen 1999 die erste animierte Ampel errichtet. Hier läuft ein Ampelmännchen in der Grünphase und bleibt bei Rot stehen. Auch das Ampelmänchen an sich darf als frühes "Icon" nicht vergessen werden: Es ist tatsächlich eine ostdeutsche Erfindung aus den frühen 1960er Jahren.
 
Das Ampel als Informationsträger
 
Warum sind die Hauptfarben der Ampel eigentlich Rot ("Stop") und Grün ("Freie Fahrt")? Viele Antworten hierauf beinhalten zwei Elemente. Erstens sind Rot und Grün Komplementärfarben. Zweitens ist Rot eine warnende und Grün eine beruhigende Farbe. Doch es gibt noch einen weiteren Erklärungsansatz: Rot und Grün könnten auf die Signalfarben der Schifffahrt zurückgehen. Hier steht Rot für Backbord (links), Grün für Steuerbord (rechts). Und wie im Straßenverkehr muss das von links kommende ("rote") Schiff bei einem Aufeinandertreffen mit einem anderen Schiff warten. Voilà!

Die Farbanordnung bei vertikalen Ampeln ist im Übrigen weltweit gleich. Rot ist immer oben, Grün unten. Bei horizonal liegenden Ampeln wird es interessanter: Hier hängt die Anordnung davon ab, ob im jeweiligen Land Rechts- oder Linksverkehr herrscht. Rot liegt immer auf der Fahrbahnmitte, d.h. in Deutschland auf der linken Seite, in England dagegen auf der rechten Seite.

An dieser Stelle beginnen auch die Probleme für Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche (ca. 10% der Bevölkerung betrifft diese): Zeigt die Ampel nun rot oder grün? Eine unterstützende Maßnahme gegen diese Unsicherheit kommt aus der Schweiz. Im Alpenland ist das Grünlicht bei liegenden Ampeln quadratisch, das Gelblicht dreieckig. Aber: Wie verhält es sich bei der Ernährungsampel? Wie bei Software-Produkten?

Die Usability-Grenzen des Ampelschemas

Wenn eine systematische Anordnung der Farben fehlt, können Menschen mit Rot-Grün-Sehschwäche keine Unterschiede bei den Kennzeichnungen erkennen. Betrachten wir uns die in der Zwischenzeit von der EU eingestellte Lebensmittelampel, fällt auf, dass hier keine grafische Kennzeichnung der Abstufungen vorgesehen ist (siehe die Seite der Verbraucherzentrale: www.ampelcheck.de). Sollte die Kennzeichnung doch noch vorgeschrieben werden, wäre meiner Meinung nach eine Überarbeitung zu empfehlen. Warum keine Punkteskala? Smileys? Oder ein "+", "o" und "-"?

Bei Webseiten und Software sehe ich ähnliche Usability-Probleme, die ich gerne zur Diskussion an die Community weitergeben würde:
 
  • Sind Ampel-Signalfarben in IT-Produkten überhaupt zu empfehlen?
  • Wie kann eine Ampel-Farbcodierung durch Symbole ergänzt werden?
  • Ist das Schema mit drei Ausprägungen für die meisten Anwendungen nicht zu restriktiv? Sollten nicht noch weitere Farbabstufungen verwendet werden (siehe z.B. https://blog.avast.com/wp-content/uploads/2011/04/avast_6_screenshots_webrep.png)?
  • Sind die Komplementärfarben von Ampeln nicht sehr schwer harmonisch in Oberflächen unterzubringen (siehe z.B. www.hiltes.de/img/Ampel.jpg)? Welche Farbkombinationen würden Usability-Experten empfehlen?
     

03.06.11