Siri - werden grafische Benutzeroberflächen unwichtig ?

Die Einführung des sprachgesteuerten persönlichen iPhone-Assistenten Siri könnte im Bereich von Consumer Apps zu großen Veränderungen führen. Was bedeutet dies für die Gestaltung grafischer Benutzeroberflächen ? Werden die entsprechenden Kenntnisse zukünftig an Bedeutung verlieren ?

Letzte Woche wurde eine neue iphone-Version, das iphone 4S -unter Jobs-Jüngern „iphone for steve“ ausgesprochen – vorgestellt. Neue iphone-Versionen hatten bisher in beeindruckender Konstanz neue Standards in Bezug auf die Usability und Bedienung von Smartphones gesetzt. Multi-Touch-Oberflächen, bei denen mit mehreren Fingern und mit Gesten (z.B. „Wischen“) interagiert werden kann, virtuelle Tastaturen, die je nach Wunsch Buchstaben, Zahlen oder Sonderzeichen eingebbar machen oder das sogenannte Retina-Display, das mit einer bis dato bei Smartphones nicht verfügbaren Auflösung die Lesbarkeit erhöhte, sind einige Beispiele.
Die Vorstellung des iphone 4S am 4.10. bot im Vergleich dazu eine relativ überschaubare Anzahl an Innovationen. Zumindest auf den ersten Blick. Denn hinter der unter dem Namen „Siri“ vorgestellten Funktionalität steckt weit mehr als die bereits in vorigen Versionen des iphone verfügbaren Spracherkennungsprogramme. Siri soll eigenständig Aufgaben, die per Sprachkommando erteilt werden bearbeiten. Einige der vorgestellten Beispiele, z.B. die Beantwortung der Frage „Wie wird das Wetter?“ scheinen trivial. Zumal stellt sich aufgrund der immer noch vorhandenen Fehlerraten von Spracherkennungen die Frage, ob hier wirklich etwas vereinfacht und beschleunigt wird, oder ob es sich nur um eine schöne Spielerei handelt.
Der Mehrwert entsteht allerdings dadurch, dass zum Einen auch komplexere Anwendungen, z.B. die Steuerung eines Navigationssystems über Spracheingabe möglich ist und zudem die Bedienung vieler einzelner Applikationen über ein einziges Interface, nämlich den Aufruf des Assistenten möglich ist. Dies erscheint insbesondere in der durch Apple kultivierten Flut an Einzelapplikationen, bei der für jede noch so kleine Aufgabe eine andere App aufgerufen werden musste als ein sehr wohltuendes, weil vereinfachendes Konzept.

Sicherlich sind der Nutzung von sprachgesteuerten Assistenten Grenzen gesetzt, sowohl was die Komplexität der Interaktion anbelangt (niemand möchte seine Steuererklärung über Spracheingabe erstellen) als auch den Benutzungskontext (ein Großraumbüro voller Siri-Nutzer könnte akustisch anspruchsvoll werden).
Für Applikationen, bei denen diese Restriktionen nicht bestehen, also insbesondere bei den sogenannten Consumer Apps – und dies ist die Mehrheit aller mobilen Apps – könnte die neue Art der Steuerung jedoch zu erheblichen Veränderungen führen. Beispielsweise könnten Gestensteuerungen von Apps durch Sprachkommandos ersetzt werden und damit auch bei der Entwicklung der entsprechenden Anwendungen anderes Wissen und ein anderen Erfahrungshintergrund voraussetzen. Pointiert könnte man die Frage stellen, ob für diese Anwendungen der (grafische) User-Interface-Designer nicht überflüssig wird, denn der Sinn einer logisch aufgebauten, visuell ansprechenden Benutzeroberfläche erscheint bei einer Sprachsteuerung auf den ersten Blick fraglich.

Die Geschichte der Informatik zeigt, dass die Einführung neuer Technologien, bisher etablierte Lösungen verdrängt, in ähnlich vielen Beispielen jedoch auch nur ergänzt. Wahrscheinlicher ist daher auch hier, dass sich das durch die Einführung neuer Interaktionsparadigmen (wie Multitouch) und neuer Interfaces (wie Smartphones) ohnehin bereits komplexer gewordene Betätigungsfeld von UI-Designern noch weiter ausdifferenzieren wird. Denn gerade der Nutzungskontext einer Anwendung ist im mobilen Zeitalter in den seltensten Fällen eindeutig, womit Applikationen die rein über Sprachsteuerung steuerbar sind, wenig Verbreitung finden werden. Es wird daher spannend sein, die tatsächliche Nutzung von Siri und der ohne Zweifel zeitnah erscheinenden Klone zu beobachten.

 


11.10.11

 

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