Usability - Zu einfach, um nützlich zu sein?

In einem Essay von Ian Leslie in der aktuellen GEO (Nr. 01/13) wird erläutert, "warum Schwierigkeiten, genau betrachtet, ziemlich nützlich sein können". Die Überwindung von Schwierigkeiten führt demnach häufig zu kreativen Ideen und innovativen Herangehensweisen. Einfache Lösungen sind hingegen zwar bequem, doch Sie werden schnell langweilig und schlagen sich in Ergebnissen nieder, die nicht vom Einheitsbrei zu unterscheiden sind.

Wie lässt sich diese Einschätzung mit der Forderung nach einfacher Bedienung von Hardware und Software in Einklang bringen? Hemmt Benutzerfreundlichkeit die Kreativität? Und führt Usability letztendlich etwa zu Langeweile?

Nützliche Schwierigkeiten und zugehörige Beispiele

Blogger Ian Leslie beschäftigt sich in seinem Aufsatz mit der Nützlichkeit von Schwierigkeiten und Hindernissen. Der Gedanke dabei: Beschränkungen setzen kreatives Potential frei. Wenn diese Beschränkungen wegfallen, fehlt etwas. Denn gerade die Überwindung der Schwierigkeiten motiviert Menschen neue Ideen und Lösungen zu entwickeln, um doch die erwünschten Ergebnisse zu erzielen. Einfache Lösungen werden hingegen schnell langweilig und bieten nicht die Erfolgsgefühle eines mühsam erreichten Zieles. Aus Sicht des Autors ist Bequemlichkeit folglich nicht der beste Weg, um voranzukommen.
 
Der Autor des Essays nutzt zur Verdeutlichung dieser Sichtweise eine Reihe von Beispielen. Ein Auszug:
 
  • Jack White – der ehemalige Frontmann der “White Stripes“ – spielt absichtlich auf billigen Gitarren, die schnell verstimmen. Seine Begründung: “Wenn Musikmachen zu einfach wird, dann wird es schwierig wirklich Funken zu schlagen“.
  • Die Beatles arbeiteten mit der primitiven Technik der Abbey-Roads-Studios in London, anstatt in einer moderneren Einrichtung in den USA zu produzieren. Im Endeffekt führte das zu kreativen Lösungen seitens der Toningenieure, die selbst ihre viel besser ausgerüsteten amerikanischen Kollegen verblüfften.
  • Der englische Autor Ted Hughes stellte im Rahmen schulischer Gedichtwettbewerbe fest, dass in den 1980er Jahren auf einmal immer längere Gedichte eingesendet wurden, die jedoch seltsam langweilig waren. Ted Hughes Begründung: Sie wurden mit dem Computer geschrieben. Die Überwindung, Stift und Papier in die Hand zu nehmen, war weggefallen.
Man könnte sagen: Hindernisse stimulieren unseren Denkprozess. Dies belegen eine Reihe von Studien. So fanden z.B. Psychologen der Princeton Universität heraus, dass Studenten Inhalte besser behielten, wenn sie diese aus Unterlagen lernten, die in hässlichen Schrifttypen gedruckt waren (!).
 
Ian Leslie plädiert somit für weniger einfache Herangehensweisen und für mehr über Stock und Stein auf Irrungen und Wirrungen erreichte kreative Lösungen. Die Verfechter nutzerfreundlicher Applikationen sehen sich in der Folge mit unangenehmen Fragen konfrontiert: (1) Ist die Konzentration auf Software-Usability doch nicht so zielführend wie gedacht? (2) Führt der Einsatz nutzerfreundlicher Anwendungen zu wenig kreativen Ergebnissen (3) Und wird die Nutzung dieser Applikationen nach einer Zeit langweilig?
 
(1) Ist die Konzentration auf Software-Usability doch nicht so zielführend wie gedacht?
 
Im Hinblick auf die erste Frage sollte unterschieden werden, was eigentlich mit dem Software-Einsatz bezweckt werden soll. Das Ziel vieler Applikationen ist nämlich gar nicht die Steigerung der Kreativität, sondern die Erhöhung der Effizienz in der Ausführung einer bestimmten Tätigkeit. Plattes Beispiel: Excel vs. Taschenrechner.
 
Die Usability einer Applikation ist essenziell wichtig, damit der Nutzer nicht unnötig Zeit verliert. Somit sollte zuerst die Frage gestellt werden, was eigentlich mit einer Applikation bezweckt werden soll. Sind es primär Effizienzziele, ist die nutzerfreundliche Gestaltung der Anwendung sicherzustellen. Soll der Nutzer selbst kreativ werden, gewinnt die Antwort auf die nächste Frage an Relevanz.
 
(2) Führt der Einsatz nutzerfreundlicher Anwendungen zu wenig kreativen Ergebnissen?
 
In diesem Punkt kann argumentiert werden, dass zwischen Usabiliy und Funktionsumfang unterschieden werden muss. Nicht etwa die Nutzerfreundlichkeit wirkt sich demnach auf die Kreativität aus, vielmehr ist es die Funktionsvielfalt moderner Software. Ein Textverarbeitungsprogramm wie Word erzeugt durch seine mannigfaltige Funktionen ein "Hintergrundrauschen". Dies kann vom eigentlich zu erstellenden Text ablenken.
 
Vielleicht schreiben gerade deshalb viele Schriftsteller ihre Bücher noch heute auf alten Schreibmaschinen. Und übrigens: Genau diese Simplifizierung ist auch wieder Trend im Softwarebereich geworden. Die App "iA Writer" beispielsweise ist ein simples Texterstellungstool für Autoren - und verzichtet bewusst auf jedwede Einstellungsmöglichkeiten.
 
(3) Und wird die Nutzung dieser Applikationen nach einer Zeit langweilig?
 
Schließlich kommen wir zu der Frage, ob die Nutzung einer Applikation mit der Zeit langweilig wird, nur weil Sie einfach zu bedienen ist. Unsere Meinung: Das hängt sehr stark vom jeweiligen User ab. Vielleicht kann man Parallelen zu Autofahrern ziehen: Manche lieben es, an ihrem Wagen herumzuschrauben. Für andere muss das Auto nur eines, sie nämlich von A nach B bringen.
 
Wenn man Software also als Werkzeug sieht: Ist es dann nicht gerade gut, wenn eine Applikationen so "langweilig" wird, dass wir sie gar nicht mehr beachten? Dass sie uns so zur Gewohnheit wird, dass wir uns kreativ auf die damit zu erledigende Aufgabe konzentrieren können? 
 
Link zum GEO-Heft: GEO Nr. 01/13



21.01.13