Wabi-Sabi: Japanische Ästhetik trifft auf UX

Wabi-Sabi ist die traditionelle japanische Vorstellung von Schönheit. Ein spannendes Konzept, das in den letzten Jahren auch im Zusammenhang mit Software diskutiert wurde. Was sind die Grundgedanken von Wabi-Sabi? Und worin bestehen die Zusammenhänge zu IT-Produkten und Usability?

Ich hatte das Glück, meinen Zivildienst an einem der schönsten Orte der Welt leisten zu dürfen: In Kyoto, der alten Kaiserstadt im Westen Japans. In einem christlichen Begegnungszentrum habe ich dort ein Jahr lang bei der Haus- und Gartenarbeit mitgeholfen. Das hat immer sehr viel Spaß gemacht - bis auf eine Sache: Eine meiner täglichen Aufgaben bestand darin, den weitläufigen Hof er Anlage zu fegen. Auch im Herbst bei stürmischem Wind wurde ich mit meinem alten Strohbesen in den dicht bewaldeten Garten geschickt. Nach Stunden des Fegens sah der Boden in diesen Monaten aus wie davor. Das ständig fallende Laub war stärker als ich. Die Sinnlosigkeit dieser Aufgabe hat mich damals beinahe zum Schreien gebracht...

Durch Zufall bin ich nun vor einer Woche auf ein kleines Buch gestoßen, das sich als das englische Standardwerk für Wabi-Sabi entpuppte: “Wabi-Sabi for Artists, Designers, Poets & Philosophers” von Leonard Koren. In dem Buch wird über Sen no Rikyu berichtet, einem der geistigen Väter des Wabi-Sabi. Eine Anekdote, die in vielen Varianten über ihn erzählt wird, geht ungefähr so:

"Der Zen-Mönch Sen no Rikyu wollte Cha-Dō, den Weg des Tees, erlernen. Deshalb suchte er den berühmten Teemeister Takeno Jōō auf. Um ihn zu testen, befahl der Meister dem jungen Rikyu, den Garten zu säubern. Ohne zu zögern machte sich Rikyu an die Arbeit. Er rechte und fegte den Garten so lange, bis perfekte Ordnung herrschte. Als er fertig war, hielt Rikyu inne und betrachtete sein Werk. Dann schüttelte er den Kirschbaum, sodass sich dessen Blütenblätter überall auf dem Boden verteilten. Als Teemeister Jōō das sah, nahm er Rikyu in seine Schule auf."
 
Oha. Diese Geschichte zeigt wohl, dass ich kein geeigneter Kandidat für Meister Jōōs Teeschule gewesen wäre. Trotzdem - oder gerade deshalb - habe ich mich noch etwas weiter in das Thema eingelesen und verwundert festgestellt: Wabi-Sabi wird ja auch in den Bereichen Software-Programmierung und User Experience diskutiert! Doch zuerst: Was bedeutet Wabi-Sabi eigentlich?

Der eigentliche Inhalt von Wabi-Sabi ist auch für Japaner schwer zu erklären. Meiner Meinung nach kommt das deutsche Wort "Unvollkommenheit" der Idee am nächsten. Dabei hat die Unvollkommenheit sowohl eine dingliche als auch eine zeitliche Dimension. “Wabi” bedeutet so viel wie “Einsamkeit”, “Bescheidenheit” oder “Natürlichkeit”. “Sabi” lässt sich mit Begriffen wie “Alter” oder “verwelken” übersetzen. Zusammen beschreiben die Worte eine “herbe Schlichtheit”, wie sie etwa bei einer knorrigen Kiefer, einem bemoosten Felsen oder einem einfachen Tongefäß zu finden sind. Wabi-Sabi ist die gefühlte Schönheit einer Sache, die eine natürliche Schlichtheit aufweist, aber ohne Sterilität auskommt. Und was hat das jetzt mit IT zu tun?

Erstens wurden der Ansatz der zugelassenen und bewussten Imperfektion in den 1990er Jahren bei der agilen Software-Entwicklung und dem Extreme Programming aufgegriffen (Link). Fortlaufende Iterationszyklen, bei denen der Code schrittweise bearbeitet wird, können so mit Wabi-Sabi verglichen werden - oder mit dem daraus abgeleiteten japanischen Konzept der ständigen Verbesserung (Kaizen). Ähnlich verhält es sich mit der Wiki-Idee, also dem Konzept des Web 2.0, das jederzeit Veränderungen und Verwerfungen durch die User zulässt. Auch hier Wabi-Sabi: Kein Inhalt ist "final", alles ist unvollkommen und vergänglich.

Zweitens zeigen sich Elemente von Wabi-Sabi im Web-Design, in der ästhetischen Gestaltung von Applikationen und in der Ausrichtung an User Experience. Eine ganze Reihe von Punkte sind hier zu nennen: Simplifizierung bzw. Reduktion des User Interfaces, organische Texturen, Handschriften-Fonts, abgerundete Ecken, gedämmte Farben, insgesamt: die Vermittlung von Emotionen. Auch hier gibt es offensichtliche Verwandschaften zu anderen aus Japan stammenden Konzepten - wie z.B. der minimalistischen Pecha-Kucha-Präsentationstechnik, die von Steve Jobs in den Apple-Keynotes eingesetzt wird.
 
Und es gibt natürlich eine Menge an interessanten Links, die das hier Geschriebene weiter ausführen. Viel Spaß wünsche ich bei der Lektüre:
 
 
 
 

01.07.11