"Danach mit erhobenem Zeigefinger anzukommen und zu sagen: 'Das und das geht nicht' bringt keinen weiter" - Oliver Siegmund von der Agentur Siegmund GmbH

Teil 2 unserer Interview-Reihe, in der sich Usability-Unternehmen und ihre Macher vorstellen. Im Rampenlicht dieses Mal: Agentur Siegmund GmbH aus Stuttgart.

UIG: Wer sind Sie und was machen Sie?

Oliver Siegmund: Ich heiße Oliver Siegmund, bin 35 Jahre alt und Gründer und Geschäftsführer der Agentur Siegmund GmbH aus Stuttgart. Hauptberuflich kümmere ich mich um das Thema "Mensch-Maschinen-Interaktion", in meiner Freizeit versuche ich Sport zu treiben. Ich engagiere mich in einem Arkeitskreis der German UPA und bin bei der Organisation des WUD in Stuttgart involviert.

UIG: Wann hatten Sie die Idee, eine eigene Usability-Agentur zu gründen?

Siegmund: Die Idee, etwas Eigenes zu machen, kam mir bereits während des Studiums – ich habe Informationsdesign an der Hochschule der Medien in Stuttgart studiert. Usability als Schwerpunkt lag einfach nahe, weil ich bereits Berufsstationen in der IT und Software-Entwicklung sowie im Beratungs- und Schulungsgeschäft hatte und weil mir das Thema Usability persönlich Spaß macht. Tatsächlich war der Gründungsgedanke – das klingt jetzt so ein bisschen sehr unkaufmännisch – die Welt ein Stück benutzerfreundlicher zu machen.

UIG: Wie wichtig war die vorherige Berufserfahrung für Ihre Gründung?

Siegmund: Ich war davor als freiberuflicher Berater in einer Full-Service-Agentur tätig und hatte außerhalb der Hochschule gar keine Berührungspunkte zu Usability-Laboren oder Ähnlichem. Ich habe also keinen klassischen Lebenslauf mit Erfahrung in großen Usability-Firmen, sondern komme eigentlich eher aus der Kundenrichtung: Man hat selbst mal Software entwickelt, kennt die Probleme und sucht dafür die richtigen Lösungen. Aus diesem Gedanken heraus wollten wir passende Lösungen anbieten.

UIG: Was waren die ersten Schritte bei der Gründung?

Siegmund: Während des Studiums habe ich angefangen, durch freiberufliche Aktivitäten in den Bereich reinzuschnuppern, erste Studien mit durchgeführt und mit Kunden interagiert. Zum Ende des Studiums haben meine beiden ursprünglichen Mitstreiter und ich ein EXIST-Gründerstipendium beantragt. Nach Erhalt des Stipendiums sind wir dann dem "Lean Startup"-Gedanken gefolgt und haben direkt versucht Pilotpartner zu gewinnen, die unsere neuen Methoden ausprobieren wollten. Mit diesen Projekten haben wir zunächst die Unkosten gedeckt und als Engagement eben die Arbeitszeit eingebracht. So kamen wir an die ersten Kunden, konnten direkt schon erste Aufträge anvisieren und dann auch zeitnah Mitarbeiter anstellen. Nach der EXIST-Phase hat die Firma schwarze Zahlen geschrieben.

UIG: Förderbedingung für EXIST ist eine innovative Technologie oder Dienstleistung – was war Ihre?

Siegmund: Wir haben eine Methode speziell für E-Learning entwickelt, bei der es darum ging, den Lernerfolg und die Usability bei E-Learning-Projekten zu steigern. Wir haben also mit einer erklärungsbedürftigen Dienstleistung angefangen. Damals war das total spannend, weil es keine Blackbox war nach dem Motto: "Ich stecke hier was rein und hinten kommt etwas anderes raus". Die Förderung haben wir bekommen, weil wir einen hohen Innovationsgrad nachweisen konnten – was ja bei Dienstleistungen oft schwieriger ist. Eine Rolle hat sicher auch der E-Learnding-Sektor gespielt: Auch heute ist die Usability und User Experience in dem Bereich noch nicht so stark fortgeschritten wie z.B. im klassischen E-Commerce.

UIG: Wie ging es nach der Förderphase weiter?

Siegmund: Ich habe 2009 die Agentur Siegmund GmbH gegründet, das war nach Abschluss der EXIST-Phase der nächste Schritt in die richtige Richtung. Die beiden ursprünglichen Mitstreiter waren zu diesem Zeitpunkt bereits ausgestiegen. Als Firma haben wir dann angefangen, internationale Projekte zu machen. Kunden haben aufgrund unserer Leistungen erste Innovationspreise gewonnen – das waren sicher wichtige Meilensteine. Wir sind in ein eigenes Büro umgezogen, haben das Usability-Labor ausgebaut. Heute sind wir zehn Kollegen im Team. Insgesamt war Stuttgart für unsere Entwicklung sicher ein guter Standort. Hier fühlen wir uns zuhause. Natürlich machen wir viele Projekte mit regionalem Bezug und können von Stuttgart aus gut den süddeutschen Raum abdecken.

UIG: Wie laufen typische Beratungsprojekte ab? Wird hier viel Scrum eingesetzt?

Siegmund: Ja, ich glaube alle unseren derzeitigen Software-Projekten verwenden Scrum. 2006 habe ich meine erste Master-Zertifizierung hierfür gemacht. Wir versuchen unsere Usability-Methoden auf Scrum anzupassen, was im Moment eine große Herausforderung in der ganzen Branche ist. Scrum funktioniert auch bei internationalen Software-Projekten gut, aber man braucht andere Usability-Methoden, also kein klassische großes Probanden-Testing mehr, sondern eher iterative Prozesse. Wir halten aber auch in anderen Projekten sehr viel davon, iterativ vorzugehen und im Team zusammen das Projekt voranzutreiben. Also nicht mehr – wie es im Usability-Bereich früher leider oft der Fall war – nur eine Endbeurteilung abzugeben. Danach mit erhobenem Zeigefinger anzukommen und zu sagen: 'Das und das geht nicht' bringt keinen weiter.

UIG: Gute Überleitung: Haben Sie Tipps für Gründer? Was hätten Sie anders gemacht?

Siegmund: Pauschal würde ich sagen, ich würde beim nächsten Mal wieder versuchen in einem Team zu gründen. Unser ursprüngliches Team hatte sich zwar im gleichen Studium kennengelernt, jeder hat im Projekt aber andere Rollen wahrgenommen. Der eine hat sich mehr um Methoden gekümmert, der andere um Vertriebs- und Kundenbindungsfragen, der dritte um den organisatorischen Part. Als ich nach dem Ausstieg der anderen alleine übriggeblieben bin, war das zwar interessant, hat aber deutlich mehr Energie gekostet. Anders würde ich machen, dass ich beim nächsten Mal mehr Fördermittel in Anspruch nehmen würde. Klassisches Venture-Kapital hatten wir uns damals auch angeschaut, das sehe ich aber nicht in der Branche. Außerdem würde ich mich mehr von erfahrenen Leuten coachen lassen, auch wenn die Zeit in der Gründungsphase natürlich knapp bemessen ist.

UIG: Wenn Sie nicht gegründet hätten, was würden Sie heute tun?

Siegmund: Diese Überlegung habe ich ehrlich gesagt nie angestellt. Dadurch, dass ich schon vorher als Arbeitnehmer von großen bis kleinen Unternehmen unterwegs war, stand die Entscheidung zur Selbständigkeit für mich schon früh fest. Ich würde es auch heute wieder so machen. Wenn ich mir eine Alternative überlegen müsste, wäre ich wohl wieder in der IT gelandet und wäre meinem Themenkomplex treu geblieben.

UIG: Mit wem würden Sie gerne einmal einen Kaffee trinken?

Siegmund: Aktuell mit Detlef Lohmann. Der hat ein interessantes Managementbuch geschrieben, das ich gerade gelesen habe: "Und mittags gehe ich heim". Ich verfolge in der Firma eine ähnliche Philosophie, wie Mitarbeiter Verantwortung übernehmen können und wie man ohne klassische Führungsinstrumente sehr produktiv arbeiten kann. Das wäre sicher eine spannend Diskussion.

15.11.13