Schlank, schnell, einfach. Usability als Erfolgsfaktor im deutschen Mittelstand.

Obwohl das Hauptmerkmal der privat genutzten IT in den letzten Jahren zunehmend ihre einfache Bedienbarkeit und ihre Flexibilität im Nutzungsprozess, kurz ihre Usability ist, scheint dieses Potential in kleinen und mittleren Unternehmen noch nicht richtig erkannt zu werden. Wie lässt sich die Situation verbessern? Was können heimische Softwarehersteller tun, um auch im internationalen Vergleich besser dazustehen? Antworten gibt es im Interview mit Prof. Dr. Alexander Mädche, Inhaber des Lehrstuhls für Wirtschaftsinformatik IV, Leiter des Instituts für Enterprise Systems (InES) und Mitglied des Kompetenzzentrums „Usability in Germany“ an der Universität Mannheim.



1. Herr Prof. Mädche Als Mitglied des Kompetenzzentrums „Usability in Germany“ (UIG) befassen Sie sich auch mit der Frage wie mittelständischen Softwareherstellern geholfen werden kann, Produkte mit hoher Usability zu erstellen. Warum müssen mittelständische Softwarehersteller in diesem Bereich aktiv werden?
Durch die unglaublich schnelle Digitalisierung des Privatlebens gibt es heute eine andere Erwartungshaltung und dadurch mehr Druck auf die Unternehmen. Hauptmerkmal der für die für private Nutzung konzipierten IT ist die einfache Bedienung und schnelle Verfügbarkeit, ohne dicke Handbücher oder Schulungen. Es gibt schlicht und ergreifend keinen Grund, weshalb Software im betrieblichen Umfeld nicht entsprechend gestaltet wird. So ist Usability nicht mehr nur eine Sache der Hersteller, sondern wird von den Anwenderunternehmen explizit eingefordert und hat sich so für Hersteller von Hard- und Software zum kritischen Erfolgsfaktor entwickelt.
 
2. Wo besteht bei den kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) akuter Handlungsbedarf? (Beispiel)
Usability-Praktiken werden noch sehr unsystematisch eingesetzt. Dies hat auch unsere Studie „Gebrauchstauglichkeit von Anwendungssoftware als Wettbewerbsfaktor für kleine und mittlere Unternehmen“ gezeigt. Da werden einzelne Methoden zur Analyse, Design oder Evaluation verwendet, aber ohne den Zusammenhang zu sehen und den Nutzer systematisch zu analysieren, zum Beispiel indem man Personas, also fiktive Typen mit konkret ausgeprägten Bedürfnissen und Nutzungsszenarien, bildet, mit Prototyping die exemplarische Lösungsansätze vorstellt oder Card Sorting nutzt, um logische und gebrauchstaugliche Navigations- oder Menüstrukturen zu entwickeln. Es fängt bei der Aufgaben- und Problembestimmung, dem Scoping an. Usability muss eingebettet werden in den Lebenszyklus von Software bei Herstellern und Anwendern. Das ist kein reines Entwicklungsthema sondern entscheidet sich insbesondere in der Nutzung.
 
3. Wo sehen Sie erste Ansatzpunkte für eine Verbesserung? Welche Hemmnisse gibt es? Ist Moderation eine Möglichkeit Konflikte zu entschärfen?
Das steht und fällt mit dem Bewusstsein des Geschäftsführers auf Herstellerseite. Er muss das Umdenken in Entwicklung, Vertrieb, Marketing, Support anstoßen, die Umsetzung verfolgen und - ganz wichtig - das Budget zur Verfügung stellen, denn Usability kostet. Da ist wichtig zu zeigen, wofür gibt man das Geld aus, bindet man Dienstleister ein, baut man eigene Kapazitäten auf? Eine Moderation ist angebracht, schließlich werden Kompetenzen neu verteilt.
 
4. Gibt es Beispiele von mittelständischen Herstellern, die mit dem Fokus auf  Usability besonders erfolgreich sind.
Der Heidelberger IT-Dienstleister „Ameria“ setzt konsequent auf Nutzerzentrierung als Erfolgsfaktor. Usability und User Experience stellen ein initiales Verkaufsargument im Projektgeschäft sowie ein wesentliches Verkaufskriterium im Produktbusiness dar. Zusätzlich werden intern die Mitarbeiter mit dem Coolnessfaktor der Produkte motiviert. „Lisa“ aus dem „Ameria“-Projekt „Virtual & Interactive Promotion (VIP)“  ist eine lebensgroße Projektion eines interaktiven Promoters, der auf Bewegungen reagiert, mit Sprache oder durch Vorbeilaufen gesteuert wird. Das erstaunt Schaufensterbummler, Messebesucher, war auf unserer UIG-Herbsttagung im September der Hingucker. Der „Komm-spiel-mit-mir-Effekt“, der Spaß an der Interaktion mit Lena, wird von den Nutzern freudig angenommen, der Umsatz stieg bei einem HiFi-Geschäft in Mannheim in einer 8-monatigen Testphase um 11%.
 
5. Wie passen Usability-Ansätze mit der Vorgehensweise agiler also schneller und flexibler Softwareentwicklung zusammen? Wie unterstützt man Gemeinsamkeiten, entschärft Gegensätzliches? Ergeben sich Synergien?
Agile Softwareentwicklung und Usability bilden keinen Gegensatz. Nutzerzentrierte Gestaltung und ein schneller, beweglicher Entwicklungsprozess lassen sich verheiraten. Es ist eher eine Frage der Reihenfolge, d.h. der übergreifenden Organisation der Prozesse. Zusätzlich müssen systematisch Usability-Praktiken in den Entwicklungsprozess eingebettet werden.
 
6. Wie muss man sich das in der Praxis vorstellen?
Basierend auf einer umfassenden Literaturstudie konnten wir fünf zentrale Prinzipien für eine agile und nutzerzentrierte Softwareentwicklung identifizieren:
1. Eine vorgelagerte Anwender- und Aufgabenanalyse zur Ideenbildung und Produktdefinition muss von der eigentlichen Entwicklung der Informationstechnologie getrennt werden.
2. Sich wiederholende Feedback- und Anpassungszyklen bei gleichzeitiger Erarbeitung schrittweise erweiterter und lauffähiger Software.
3. Neben dem Parallelisierungspotenzial von nutzerzentrierten Gestaltung und technischer Umsetzung muss gleichzeitig die Synchronisation der Informationen unter den Beteiligten sichergestellt werden.
4. Kontinuierliche Einbeziehung von Entscheidern, Kunden und Nutzern während der vier Phasen Analyse, Konzeptualisierung, Gestaltung und Evaluation.
5. Artefaktzentrierte Kommunikation (z.B. durch Prototypen) unterstützt die Dokumentation und den Austausch von Gestaltungsalternativen.
 
7. Gibt es konkrete Handlungsschritte, die in Ihrer Forschung erarbeiteten Ergebnisse umzusetzen?
Im Rahmen der Mittelstand Digital Förderinitiative „Usability“ verfolgt unser Kompetenzzentrum UIG einen zweistufigen Ansatz: In einem ersten Schritt wird in Form eines Managementkonzeptes das existierende Usability-Wissen in einer zielgruppengerechten Form aufbereitet. In einem zweiten Schritt sollen dann über ein Netzwerk von Herstellern, Dienstleistern und Anwendern die Verbreitung des Fachwissens in den deutschen Mittelstand realisiert werden.
 
8. Welche Entwicklungen erwarten Sie im Bereich Usability für die nächsten Jahre?
Mit agilen, schlanken Entwicklungsmethoden sind der Entwicklungsprozess und die daran beteiligten Menschen in den letzten Jahren gerade aus der Sicht der Hersteller deutlich in den Vordergrund gerückt. Usability ist bei vielen Herstellern bereits angekommen und findet auch erste erfolgreiche Umsetzung. Aktuell geht der Trend hin zu mehr User Experience (UX), d.h. es geht um das Nutzungserlebnis und nicht nur um reine Usability. Zusätzlich zur aufgabenfokussierten Technologiegestaltung geht es jetzt um hedonistische Qualitäten, also z.B. Emotionen.
 
9. Was können die heimischen Softwarehersteller tun, um auch im internationalen Vergleich besser dazustehen?
Ich bin da optimistisch. Wir haben in Deutschland ein starkes Alleinstellungsmerkmal: Wir verfügen über ein tiefes Branchen-Know-how. Das hat SAP, die sich ja nicht über Technologie sondern über Prozesswissen im Markt differenziert hat, erfolgreich vorgemacht. Wenn es gelingt, dieses Prozesswissen auch bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU), die spezialisierte Lösungen entwickeln, mit dem Thema Gebrauchstauglichkeit zu verbinden und Lösungen schaffen, die man gerne bedienen mag, haben wir durchaus eine Chance im internationalen Bereich.

25.02.14