"Viel Feedback von den richtigen Leuten einholen" – Dr. Fabian Hennecke von der uxcite GmbH

Teil 5 unserer Interview-Reihe, in der sich Usability-Unternehmen und ihre Macher vorstellen. Im Rampenlicht dieses Mal: uxcite GmbH aus München.

UIG: Wer sind Sie und was machen Sie?

Dr. Fabian Hennecke: Wir sind Dr. Fabian Hennecke, Johannes Müller und Mario Obendorfer, drei Medieninformatiker aus München, die sich beim Studium 2003 kennengelernt haben. Nach dem Studium haben wir uns einige Jahre beruflich unterschiedlich entwickelt, bis wir im April dieses Jahres die User-Experience-Beratung uxcite GmbH gegründet haben. Besondere Aufmerksamkeit genießt bei uns das Thema "Lean UX", also der Einsatz schlanker UX-Methoden, die effektiv Kosten sparen. Durch häufige Tests von Konzepten und Prototypen mit Nutzern werden Probleme so frühestmöglich erkannt und behoben.

UIG: Wie kam es zu der Idee, eine eigene Usability-Agentur zu gründen?

Hennecke: Wir haben ja in verschiedenen Unternehmen gearbeitet und gemerkt, dass sich viele Problemstellungen im Bereich UX gleichen. Teilweise sind die Methoden des nutzerzentrierten Designs gänzlich unbekannt und werden nicht angewendet. Manchmal spielen aber auch Probleme beim eigentlichen Entwicklungsprozess eine große Rolle. Es gibt häufig eine Entwicklungsabteilung, die agil und iterativ arbeitet. Aber das UX-Team, das die Konzepte erstellt, ist nicht in den Prozess eingebunden. Sie erstellen die Konzepte als Vorarbeit und testen das Produkt als Nacharbeit. Im Endeffekt ist das ein Prozess nach Wasserfallmodell, der zu Informationsverlusten bei der Kommunikation und viel unnötiger Arbeit führt. Aus diesen Beobachtungen heraus entstand unsere Idee eine "User-Experience-Beratung" zu gründen.

UIG: Wie hat sich Ihr Unternehmen entwickelt?

Hennecke: Bereits 2012 haben wir in unserer Freizeit begonnen das UX-Blog uxcite zu entwickeln. Durch die regelmäßige Veröffentlichung von Beiträgen und die tollen Artikel vieler Gastautoren sind wir heute eines der meistbesuchten UX-Fachblogs im deutschsprachigen Raum. 2014 haben wir uns nun weiterentwickelt: Im April haben wir mit der uxcite GmbH zu dritt den Geschäftsbetrieb aufgenommen. Wir arbeiten bereits an einigen Kundenprojekten und können uns aus eigener Kraft tragen. Unser Ziel ist es nun langsam weiter zu wachsen, stetig neue Kunden für das Thema UX zu begeistern und natürlich auch mit unseren Leistungen zu überzeugen.

UIG: Sie haben also aus einem Blog heraus gegründet?

Hennecke: Ja, das kann man so sagen. Der Blog war die erste Stufe – einfach um zu sehen, wie wir zusammenarbeiten, erste Erfahrungen zu sammeln und Anknüpfungspunkte an den Markt zu finden. Das hat tatsächlich gut funktioniert, deshalb versuchen wir auch weiterhin regelmäßig zu bloggen. Es gibt einige Artikel, die sehr viel gelesen werden, z.B. die, in denen wir Mockup-Tools vorstellen.

UIG: Haben Sie Tipps für Gründer? Was hätten Sie anders gemacht?

Hennecke: Ganz wichtig ist es, sich nicht zu stark auf einen Plan zu versteifen. Jede Idee ist letztlich eine Hypothese, bis sie im Markt getestet wurde. Erst dann weiß man, dass das Geschäftsmodell funktioniert. Zwar sind Planung und ein Business Plan wichtig, aber bei Weitem nicht alles. Wenn man die ersten Erfahrungen im Markt macht, sollte man die Flexibilität besitzen auf neue Erkenntnisse zu reagieren und das eigene Produkt besser an die Bedürfnisse der Zielgruppe anzupassen. Unser Tipp ist es, sich viel Feedback von den richtigen Leuten einzuholen. Während einem die Familie möglicherweise noch wohlgesonnen gegenüber steht, merkt man im Gespräch mit potentiellen Kunden schnell, ob sie die angebotene Lösung auch kaufen möchten. Idealerweise hat man sein Produkt bereits vor dem Start verkauft. Das ist der beste Indikator dafür, dass es einen Bedarf für die eigene Idee gibt.

UIG: Dieses schlanke Vorgehen passt gut zu Ihrem Schwerpunkt "Lean UX". Ist Lean UX gerade für kleine und mittelständische Software-Unternehmen besonders geeignet?

Hennecke: Die Methode kommt ja aus dem Startup-Bereich. Durch Lean UX kann ein Produkt mit geringen Kosten nah am Markt entwickelt und lange, kostenintensive Fehlentwicklungen vermieden werden. Lean UX ist also der Ansatz, so früh wie möglich irgendeine Form von Produkt zu erstellen und sich Feedback direkt vom Markt zu holen. Genau das kann kleineren Unternehmen sehr helfen.

UIG: Wenn ein KMU jetzt noch nicht agil, sondern noch nach dem Wasserfallmodell entwickelt, ist Lean UX dann überhaupt möglich?

Hennecke: Prinzipiell ist es so, dass Lean UX gewisse Veränderungen in der Denk- und Arbeitsweise erfordert. Es ist schwierig, Lean UX über das Wasserfallmodell zu stülpen. Im Wasserfallmodell gibt es typischerweise verschiedene Abteilungen, die sich Spezifikationen oder Arbeitsergebnisse übergeben, aber wenig in direkter Kommunikation stehen. Der Kern von Lean UX ist dagegen, Teams so zusammenzusetzen, dass man das gesamte Know-How direkt verfügbar hat: Entwickler, Marketing, Produktstrategie, Designer sollen sich auf kurzen Wegen austauschen können.

UIG: Apropos "austauschen": Wenn Sie nicht gegründet hätten, was würden Sie heute tun?

Hennecke: Vermutlich würden wir als Freiberufler in diesem Bereich arbeiten oder weiterhin angestellt in unseren früheren Unternehmen. Allerdings war das keine wirkliche Option mehr, nachdem der Plan stand, dass wir zusammen gründen. Wir genießen es sehr zusammen im Team zu arbeiten und mit UX ein Thema voranzubringen, dem wir leidenschaftlich verbunden sind.

UIG: Mit wem würden Sie gerne einmal einen Kaffee trinken?

Hennecke: Donald Norman wäre eine sehr interessante Persönlichkeit aus dem Bereich Usability und User Experience. Er schrieb bereits in den 80iger Jahren das Usability-Standardwerk "The Design of Everyday Things". Darin geht es um Alltagsprobleme mit Türen, Wasserhähnen und Telefonen, die jeder kennt: Wer ist nicht schon gegen Türen gelaufen, weil man nicht wusste, ob man drücken oder ziehen soll? Die Gestaltung solcher Gegenstände hat starken Einfluss auf unsere Erwartungshaltung. Ich hatte bereits das Glück im Rahmen meiner Forschungsarbeit mit Donald Norman Pizza essen zu gehen, aber gegen einen zusätzlichen Kaffee hätte ich natürlich trotzdem nichts einzuwenden.

26.06.14