Digital muss sich gut anfühlen - Warum Usability und User Experience uns alle betreffen

CC
Unser Zeitalter ist bestimmt durch eine bisher ungekannte Digitalisierung des Privatlebens. Während in den Anfangsjahren der IT-Technologie nur Experten einen Computer bedienen konnten, werden die Anwendungen heute immer benutzerfreundlicher. Dabei ist die Gebrauchstauglichkeit - auf Englisch: Usability - keinesfalls ein Selbstläufer. Studien zeigen, dass durch eine konsequentere Umsetzung von Usability-Konzepten in Unternehmen die Produktivität deutlich gesteigert werden kann. Auch für die deutsche IT-Branche bietet der Bereich noch riesige Potenziale.

Wer Usability immer noch als Randthema sieht, hat die digitale Revolution der vergangenen Jahre nicht erkannt. Unser Zeitalter zeichnet sich durch eine fortschreitende Ausbreitung von IT-Technologien in unseren Alltag aus: das Tablet als Bettlektüre, das Auto als Kommunikationszentrale und das Smartphone als Kontrolleur unserer Gesundheitsdaten. Für die Akzeptanz dieses Vordringens ist Benutzerfreundlichkeit der wesentliche Erfolgsfaktor. Ein gutes Beispiel für das wirtschaftliche Potenzial einer stringenten Konzentration auf Usability bietet Amazon mit seinen patentierten One-Click-Bestellungen: Statt einen Artikel zunächst in den Einkaufswagen legen zu müssen, können Kunden über den One-Click-Button direkt auf der Produktseite den Kauf tätigen - Zahlungsart, Lieferadresse und ähnliche Informationen werden aus den Voreinstellungen übernommen und müssen jetzt nicht mehr eingegeben oder bestätigt werden.

IT mit einer hohen Usability ist genau auf bestimmte Aufgabenziele zugeschnitten und ermöglicht dem Anwender eine effiziente und effektive Nutzung sowie gleichzeitig eine hohe Zufriedenheit. Neben Usability wird nun auch häufiger noch von User Experience - auf Deutsch: Benutzererlebnis - gesprochen. User Experience geht über die Usability-Perspektive hinaus. Denn sie zielt nicht nur darauf ab, negative Erlebnisse bei der Nutzung zu vermeiden. Vielmehr sollen sogar gezielt positive Erlebnisse beim Anwender vor, während und nach der Nutzung entstehen.


Potenzial in Unternehmen

Potenzial in Unternehmen Usability und User Experience betreffen uns alle und sind nicht nur für IT im Privatleben wichtig. Auch in Unternehmen werden die Potenziale der fortschreitenden Digitalisierung nur dann ausgeschöpft, wenn die dort genutzte IT tatsächlich auch für alle Anwender nutzbar ist. Einer vom Bundeswirtschaftsministerium für Wirtschaft und Energie beauftragten Studie zufolge klagen jedoch 70 Prozent der Unternehmen über Produktivitätsminderungen durch Bedienprobleme. Nur 25 Prozent der Unternehmen sahen in den vergangenen Jahren eine Verbesserung des Angebotes an Software mit hoher Usability. Deutsche IT-Hersteller setzen Usability-Praktiken in der Entwicklung offenbar immer noch eher zurückhaltend ein - viele Geschäftsführer haben die Herausforderung noch nicht einmal erkannt.


Veränderungen in Unternehmen sind notwendig

Die erfolgreiche Umsetzung eines nutzerzentrierten Paradigmas stellt IT-Hersteller vor große Herausforderungen und bringt massive Veränderungen mit sich: Prioritäten müssen geändert, Entwicklungsteams umgestaltet und Entwicklungsprozesse neu gedacht werden. Es gilt, das Know-how für die Anwendung spezifischer Usability-Praktiken entweder intern aufzubauen oder extern zu beziehen. Auf Seiten des Anwenderunternehmens ist es wichtig, dass Usability bereits bei der Auswahl neuer IT als Kriterium Berücksichtigung findet. Im Rahmen von Einführungsprojekten müssen die IT und die Arbeitsabläufe aufeinander abgestimmt werden. Letztendlich ist es ratsam auch bei der eingeführten IT kontinuierlich zu prüfen, ob die Nutzung tatsächlich effektiv ist oder gegebenenfalls Verbesserungsmaßnahmen eingeleitet werden sollten. Zusammengefasst lässt sich sagen: Nutzerzentrierte Digitalisierung muss als komplexer und kontinuierlicher Veränderungsprozess verstanden werden. Viele Potenziale der Digitalisierung lassen sich erst bei konsequenter Konzentration auf Usability und User Experience realisieren.

Autor:
Prof. Dr. Alexander Mädche
Universität Mannheim

14.11.14