Ein Usability-Veteran im Gespräch

Rainer Schubert ist seit 1995 bei der CAS Software AG (Karlsruhe) beschäftigt. Seit 17 Jahren liegt sein Aufgabenbereich auf User Interface Gestaltung, Usability und User Experience. Grund genug, ihn für ein kurzes Interview heranzuziehen und zur Entwicklung des Themas zu befragen...

Was ist Ihre Rolle im Unternehmen und wie sind Sie dazu gekommen?

Rainer Schubert: Ich habe zunächst meinen Abschluss als Medieningenieur gemacht. Über einige Umwege bin ich zu den Themen User Experience und Usability gekommen. Hier im Unternehmen habe ich als Multimedia-Designer angefangen. Zunächst habe ich vor allem die Gestaltung der Website übernommen. Dabei habe ich mich auch um die Anwendungsoberflächen gekümmert. Ich bin also über Multimedia, Lern- und Kommunikationspsychologie zum Bereich Usability gekommen. Seit einiger Zeit ist dieses Thema im Produktmanagement integriert. Und es ist eine sehr interessante, lebendige Thematik. Viele Entwicklungen kommen aus den USA. Um da nichts zu verpassen, muss man ständig am Ball bleiben. Die theoretischen Möglichkeiten neue Ansätze in unsere Produkte zu integrieren, sind aber immer auch von der Realität überlagert. Leider ist es so, dass oft nicht alles geht, was wünschenswert wäre. Interessant ist die Entwicklung unserer "Smart Access"-Oberflächen. Also, dass man heute den mobilen, skalierbaren, "responsive"-Ansatz von vorneherein verfolgt. Die anderen Anwendungsoberflächen sind ja über viele Jahre gewachsen. Da kann man grundsätzliche Dinge nicht mehr ändern. Da helfen nur Neuentwicklungen. Da haben wir dann die Möglichkeit von vorneherein die neuen Geräteklassen zu bedienen.
 
Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen Unternehmen, wenn es darum geht einheitliche Strukturen für Software zu schaffen?
 
Rainer Schubert: Das ist nach wie vor ein problematisches Thema. Wenn man sehr kundenspezifische Anpassungen zulässt, muss man bedenken, dass der anpassende Partner nicht über denselben Hintergrund verfügt wie wir als Softwarehersteller. Er braucht deswegen optimalerweise Leitlinien, an die er sich zu halten hat, damit die Software von der Bedienungskonsistenz her nicht zu sehr diversifiziert wird. Wir wollen diesen Aspekt bei der Zertifizierung von Partnerlösungen stärker berücksichtigen. So kann sichergestellt werden, dass alles wie aus einer Hand aussieht, selbst wenn mehrere Entwickler daran gearbeitet haben.
 
Wann haben Sie den Begriff Usability das erste Mal gehört?
 
Rainer Schubert: Bei uns als Softwarefirma war der Begriff Usability zunächst belegt mit der Vorstellung, dass etwas in erster Linie schneller zu bedienen sein muss. Das fing an mit einem regelrechten Tastaturschock. Wenn man feststellte, dass man Strg und S drücken kann und etwas wird gespeichert. Also sogenannte "Power Features". Dieses Bild, dass Usability bedeutet etwas schneller zu machen, musste man dann erstmal ein bisschen gerade rücken. Denn es geht auch darum Dinge einfacher und intuitiver zu machen. Parallel zur Weiterentwicklung des Begriffs Usability kam auch die Konzepte User Experience und User Interface Design auf, was eher graphisch orientiert ist. Also eine Ausrichtung darauf, dass das Erlebnis des Benutzers insgesamt gesteigert wird. Das war so Ende der 90er Jahre.
 
Oft wird Apple mit Usability in Verbindung gebracht...
 
Rainer Schubert: Ja, Apple hat gewissermaßen neue Standards gesetzt. Früher schon hat man gesagt, dass Macs bedienerfreundlicher sind als PCs. Mit der Verbreitung dieser Produkte und Dingen wie dem iPhone stieg die Erwartungshaltung der Bediener für nutzerfreundliche, einfache Anwendungen. Man merkte, dass solche technischen Geräte auch einfach zu bedienen sein können. Viele denken sich "Ich kauf’s erst gar nicht, das ist mir viel zu kompliziert." Aber da findet ein Umdenken statt.
 
Sollten Anwendungen über Plattformen hinweg konsistente Oberflächen haben?
 
Rainer Schubert: Das ist ein sehr interessantes Thema, das wir auch zusammen mit unserem Partner für Usability-Design diskutiert haben. Wie viel Sinn macht es, sich jeweils an die Plattform anzupassen, muss es sich auf dem iPhone so anfühlen wie andere iPhone-Anwendungen oder darf es auch einen gewissen Abstand haben zu der Plattform? Wir gehen da einen Mittelweg. Es gibt viele Argumente für die Anwendungseinheitlichkeit. Bei dem CRM-System kann man davon ausgehen, dass dieselbe Person mit demselben System in verschiedenen Arbeitskontexten interagiert. Vom PC, vom Tablet oder auch mal vom Phone. Wenn da bestimmte Abläufe einfach immer gleich aussehen, findet man sich schneller zurecht. Eine einzelne App würde ich sagen, klar, die muss für jedes Gerät optimiert werden. Bei einem System, das an verschiedenen Clients von derselben Person benutzt wird, denke ich macht es auch Sinn anwendungsübergreifende Einheitlichkeit zu schaffen. Die Plattform muss schon berücksichtigt werden, aber andererseits müssen bestimmte Teile, die sehr systemtypisch sind, beibehalten werden.
 
Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung von Usability?
 
Rainer Schubert: Ich habe das Gefühl Usability erlebt gerade einen Schub. Dabei wird manchmal schon übers Ziel hinaus geschossen. Man verspricht sich vielleicht zu viel von dem einen oder anderen Aspekt von Usability. Sie wird dann irgendwann ihren zurechtgerückten Platz finden. Ich bin aber auch überzeugt davon, dass in Zukunft noch mehr Menschen erreicht werden – auch mit ganz unterschiedlichem Hintergrund – und dass insgesamt die Bereitschaft sinkt sich bei Schulungen über eine Anwendung informieren zu lassen und sich lange aufwendig einzuarbeiten. Da wird vieles irgendwann einfacher sein.
 
Sucht Ihr Unternehmen aktuell Usability-Spezialisten?
 
Rainer Schubert: Ja, aber es ist gar nicht so leicht Fachleute zu finden. Eine gute Entwicklung ist aber, dass dieses Thema immer mehr Eingang in die Ausbildung der Nachwuchskräfte findet. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass Firmen solche Jobs in Zukunft noch häufiger auslagern.

06.06.12