"Digitalisierungsbarometer" Mittelstand

Man möchte schon, hat aber viele Bedenken. Deutsche Mittelständler - so eine aktuelle Studie von "Antrieb Mittelstand" - sind bei der Digitalisierung hin- und hergerissen zwischen Sicherheitsbedenken, Zweifel am Nutzen und der Sorge, etwas zu verpassen.

Der deutsche Mittelstand ist bei Online-Anwendungen zu zurückhaltend. Social Media, Cloud-Computing und auch der Online-Handel spielen besonders in kleineren Unternehmen oft nur eine untergeordnete Rolle. Das sind die Ergebnisse der Studie „Situation des Mittelstandes bei Informations- und Telekommunikationstechnologie“, kurz auch „Digitalisierungsbarometer“ genannt, von „Antrieb Mittelstand“.1

„Wir konnten bei mittelständischen Firmen aller Branchen feststellen, dass sie die Chancen des digitalen Zeitalters noch nicht optimal nutzen“, sagt Christian Rätsch, Leiter Marketing KMU bei Telekom Deutschland. „Der deutsche Mittelstand hinkt beim Thema Digitalisierung deutlich hinterher“, kommentiert Hermann Simon, Unternehmensberater, Wirtschaftsprofessor und Erfolgsautor („Hidden Champions“), die Studienergebnisse. „In anderen Ländern nutzen Firmen aller Größen das Netz intensiver und verschaffen sich dadurch einen Vorteil im internationalen Wettbewerb.“

An der Studie "Digitalisierungsbarometer" nahmen 1550 IT-Entscheider aus mittelständischen Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern teil. Sie kamen aus zehn verschiedenen Wirtschaftszweigen. Sie wurden zu 50 Themen aus den Bereichen "Online-Vermarktung", "IT/TK-gestützte Prozesse", "Mobiles Arbeiten" und "Cloud Services" und deren Nutzung in ihren Unternehmen befragt.

Einige Ergebnisse im Einzelnen:
  • Die E-Mail hat mittlerweile die meisten Bereiche durchdrungen und ist das am häufigsten verwendete „digitale Instrument“. Sie wird von 80% genutzt (Wer sind die 20%?), Buchhaltungssoftware von 70 %.
  • Obwohl 78% einen Internetauftritt haben, befassen sich nur etwas mehr als die Hälfte mit Suchmaschinenoptimierung, um im Netz schneller gefunden zu werden. Ganze 13% geben an, überhaupt keine Internetpräsenz zu benötigen.
  • Social-Media-Auftritte (25%) und Online-Shops (16%) sind noch verhältnismßig weit verbreitet.
  • Starke Zurückhaltung gibt es bei Cloud-Anwendungen, mobilem Internet, der Nutzung mobiler Endgeräte sowie deren Integration in die hauseigene Telefonanlage und das Intranet des Unternehmens.
  • Am besten aufgestellt sind Anbieter „professioneller Dienstleistungen“ – wie etwa Rechts-, Steuer- und Unternehmensberatungen sowie Wirtschaftsprüfungen und Ingenieurbüros. Platz 2 auf dem digitalen Siegertreppchen belegen Firmen des Wirtschaftszweigs „Finanzen/Versicherungen/Immobilien“. Der größte Aufholbedarf besteht im Gastgewerbe und bei Firmen aus dem Gesundheits- und Sozialwesen.
  • Auffallend: Je größer das Unternehmen, desto digitaler auch die Betriebsabläufe.
 
Dass aktuelle Trends von Mittelständlern erkannt, bisher aber begrenzt genutzt werden, zeigte auch die empirische Studie "Gebrauchstauglichkeit von Anwendungssoftware als Wettbewerbsfaktor für kleine und mittlere Unternehmen (KMU)", die im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie (BMWI) 2011 durchgeführt wurde.2 Dafür wurden 28 Experten eingehend interviewt und über 300 ausführliche Fragebögen von mittelständischen Firmen (Softwarefirmen und Anwender) ausgewertet.
 
Knapp 90% der befragten Anwenderunternehmen erwarten dabei, dass „Mobile Anwendungen“ in den nächsten 5 Jahren stark oder sehr stark an Bedeutung gewinnen werden – beim Thema „Usability“ teilen über 80% diese Meinung und bei „Cloud Computing“ sind es noch über 70%. Gleichzeitig deuten die Ergebnisse darauf hin, dass bei diesen Themen Nachholbedarf sowohl auf Seiten von Anwendern als auch von Produzenten von Unternehmenssoftware besteht. Bei der letzten Softwarebeschaffung der befragten Mittelständler handelt es sich bei fast 90% um Desktop-Anwendungen; nur in knapp 10% der Fälle sind diese Anwendungen auch mobil und über das Web nutzbar.
 
Eine Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage gibt es auch in Bezug auf anwenderorientierte Kriterien von Software. Mittelständischen Anwendern ist Usability genauso wichtig wie etwa Funktionalität oder Sicherheit der Software. Grund dafür: Usability trägt der Einschätzung von 85% der Befragten zufolge dazu bei, die Produktivität der Mitarbeiter zu steigern. Die aktuell genutzte Software schneidet bei der Bewertung in Bezug auf Usability oder Flexibilität jedoch deutlich schlechter ab als in Bezug auf eher technische Kriterien.

Für Softwareproduzenten können sich aus diesen Lücken durchaus Möglichkeiten ergeben: Investitionen in die Usability von Software können eine potentiell erfolgversprechende Differenzierungsstrategie darstellen.
 
 
1 Eine Initiative der Deutschen Telekom und dem Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) unterstützt von Microsoft, Dell, Nokia Strato, Fairrank, Gelbe Seiten, Swyx, BDO und Symantec.
 
2 Das Forschungsprojekt wurde gemeinsam durchgeführt vom Institut für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim, vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik IV der Universität Mannheim, der Fachhochschule Kaiserslautern und der ERGOSIGN GmbH. Im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages. Die Ergebnisse der Studie sind nachzulesen unter http://www.usability-in-germany.de/ergebnis.

28.06.13


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