Usability Leute sind gesucht. Wer sind die Mitarbeiter für den Boom?

Die Gebrauchstauglichkeit („Usability“) von Produkten, insbesondere die von Software, hat sich in den letzten Jahren zu einem immer wichtigeren Thema entwickelt. Entsprechend ist ein Boom auf dem Arbeitsmarkt für Usability-Spezialisten zu beobachten. Prof. Dr. Dieter Wallach von der Fachhochschule Kaiserslautern, Deutschlands erster Professor für Human Computer Interaction, erklärt den Berufseinstieg.

Die Dichte der Stellenanzeigen für Usability-Experten hat im ersten Halbjahr 2013 einen neuen Höchststand erreicht. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen (KMU) schreiben verstärkt neue Positionen aus. Im Vergleich zu anderen IT-Berufen liegt die Nachfrage nach Usability-Experten deutlich über dem Durchschnitt. Dabei verschiebt sich die Nachfrage weiter von Usability- hin zu User Experience-Experten (Grafiken hierzu im Downloadbereich: www.usability-in-germany.de/presse)
 
Zu diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Anzeigendaten im Zusammenhang mit der Studie „Gebrauchstauglichkeit von Anwendungssoftware als Wettbewerbsfaktor für kleine und mittlere Unternehmen“ des Instituts für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik IV der Universität Mannheim, der Fachhochschule Kaiserslautern und der Ergosign GmbH.
 
Professor Dr. Michael Woywode vom Institut für Mittelstandsforschung der Universität Mannheim: „Ausgeschriebene Stellen beschränken sich nicht auf Unternehmen in der Branche Informations- und Kommunikationstechnologie. Mehr als ein Viertel der Usability-Stellenanzeigen sind dem verarbeitenden Gewerbe zuzuordnen.“
 
„Freie Stellen sind für KMU nicht leicht zu besetzen,“ fasst Professor Woywode die Ergebnisse der Studie weiter zusammen. „Beim Verfassen von Stellenanzeigen sollte man auf genaue Aufgabenbeschreibung achten. Usability-Experten gibt es in vielen Ausprägungen, weshalb die gewünschte Spezialrichtung deutlich werden sollte.“
 
Einen einheitlichen Weg in die Usability-Branche gibt es nicht, erklärt Prof. Dr. Dieter Wallach, Professor für Human-Computer-Interaction und Usability Engineering im Fachbereich Informatik und Mikrosystemtechnik der Fachhochschule Kaiserslautern: „Berufseinstiegswege sind vielfältig: Ingenieure, Medieninformatiker, Webdesigner, ja Psychologen sind vertreten. Das letzte Jahrzehnt war geprägt von Quereinsteigern. Heute gibt es verschiedene qualifizierte Studiengänge, in denen auch praktische Erfahrungen nicht zu kurz kommen.“
 
Um das Wissen zum Thema Usability zu bündeln, ist auf der Webseite www.usability-in-germany.de eine Deutschlandkarte der Usability-Experten in Wissenschaft und Praxis angelegt. Ausbildungseinrichtungen, Institute, Firmen werden dazu aufgefordert, sich dort zu registrieren.
 
Die detaillierten Ergebnisse der Studie „Gebrauchstauglichkeit von Anwendungssoftware als Wettbewerbsfaktor für kleine und mittlere Unternehmen“ werden unter www.usability-in-germany.de vorgestellt. Die Untersuchung wurde vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert.
 
 
 
Das komplette Interview mit Prof. Dr. Dieter Wallach: Welche Ausbildung muss man haben?
 
1. Wie wird man Usability-Experte?
 
Das letzte Jahrzehnt war geprägt von Quereinsteigern aus Informatik, Psychologie, Design oder verwandten Studiengängen — und fächerübergreifenden Fortbildungen. Mittlerweile haben sich an Universitäten und Fachhochschulen spezifische, interdisziplinäre Studiengänge herausgebildet, in denen die theoretischen und methodischen Grundlagen der beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen mit angewandten Fragestellungen der Industrie und Wirtschaft verbunden werden.
 
2. In der Branche sind viele kritische Stimmen zu hören, wenn es um Hochschulabsolventen geht?
 
Da hat sich in Deutschland in den letzten Jahren einiges getan. Ausbildung, Anwendungsunternehmen und Softwareproduzenten sind enger zusammengerückt. Benutzerzentrierte Entwicklungsmodelle sind heute Bestandteil vieler Informatik-Studienordnungen geworden, dezidierte Studiengänge wie Human-Computer Interaction, Human Factors oder Mensch-Computer-Systeme bieten eine fundierte akademische Ausbildung in Bachelor- und Masterprogrammen.
Die Lehre an Fachhochschulen ist ohnehin traditionell eher praxisorientiert ausgerichtet – bis hin zu berufsbegleitenden Studiengängen für IT-nahe Berufe. An der Fachhochschule Kaiserslautern bieten Interessierten mit Berufserfahrung den Fern-Studiengang IT-Analyst an, der mit 20 sogenannten Präsenztagen (davon 8 Samstage) im Jahr Arbeitnehmern sehr entgegen kommt und gleichzeitig ihre Erfahrungen und Vorkenntnisse mit einbezieht.
 
3. Bilden auch Firmen aus?
 
Viele Unternehmen arbeiten eng mit Hochschulen zusammen, bieten Studenten Themen an für deren akademische Qualifikationsarbeiten, schaffen Praktikumsplätze. Auf unserer Webseite www.usability-in-germany.de haben wir eine interaktive Karte, die zeigt, wo in Deutschland Expertenwissen zum Thema Usability vorhanden ist. Firmen und Institute können sich hier eintragen, Interessenten erhalten so einen Überblick über bestehende Möglichkeiten. Hier ist Eigeninitiative gefragt. Einen speziellen Ausbildungsberuf „Usability“ gibt es bislang in Deutschland nicht.
 
4. Verschiedene private und wissenschaftliche Träger wie etwa die Usability Academy oder Fraunhofer-Institute bieten Kompaktseminare an, in denen man sich zum Usability-Experten ausbilden lassen kann.
 
Die Institute haben sicherlich ein hohes Niveau und arbeiten auch mit anerkannten Experten zusammen, die einen entsprechenden Standard sicher stellen. Innerhalb eines wenige Tage dauernden Kompaktseminars können so sicher wertvolle Einblicke in grundlegende Theorien und Methoden gewonnen werden. Wie auch bei anderen Berufsbildern sollten solche Kurse jedoch eher als Beginn einer Weiterbildung zu einem Usability-Experten gesehen werden.
 
5. Was sollte man wissen, bevor man sich auf diesen Beruf stürzt?
 
Usability-Experten sind keine Künstler, die sich vornehmlich mit dem visuell-ästhetischen Erscheinungsbild von Software beschäftigen. Sicherlich gehört die visuelle Gestaltung auch dazu, allerdings ist diese lediglich eine – wenn auch bedeutsame – Facette. Grundlegend geht es darum, wie Benutzer bei Bedienung bestmöglich unterstützt werden können, welche Funktionen hierzu notwendig sind, wie darzustellende Inhalte übersichtlich aufbereitet werden können, wie Interaktion effizient und effektiv konzipiert und im Ergebnis ein positives Benutzererlebnis ermöglicht wird. Selbstverständlich ist auch ein belastbares technisches und betriebswirtschaftliches Wissen notwendig, wenn die Machbarkeit von Gestaltungsmöglichkeiten angemessen beurteilt werden soll.
 
6. Ganz konkret. Wie komme ich an ein Praktikum?
 
Für Studierende auf der Suche nach einem Praktikum ist die Erstellung eines kleinen Portfolios eigener Arbeiten sehr hilfreich – so lassen sich anhand praktischer Beispiele eigene Interessensschwerpunkte und bereits vorhandene Fertigkeiten demonstrieren. Schülerpraktika können naturgemäß nur kurz sein und nicht mehr als einen Einblick geben.

15.10.13